Geschichten:

Auf dieser Seite kann man Geschichten und Gedichte von mir lesen.
Ich denke, daß dies eine gute Möglichkeit sein kann, um mich besser kennenzulernen.

Die Rechte dieser Geschichten liegen natürlich bei mir und dürfen ohne meine Zustimmung nicht veröffentlich werden.

Inhalt:

Abschied
Das Märchen vom König, der alles hatte
Gedichte

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Abschied

Als ich sah, daß Du nicht mehr an Deinem Platz standest, war ich überrascht und wurde ganz traurig. Du fehlst mir, Dein Platz ist wüst und leer. Doch Du lebst weiter in meinem Herzen und Erinnerung mit Deinem mächtigen Stamm, Deiner rauhen, zerklüfteten Rinde, in die ich meine Hand und Finger hineinstecken konnte, mit Deinen weitausragenden ästen, dem Rauschen der Blätter im Sommerwind und dem Knarren und Peitschen Deiner Baumkrone im Herbststurm.

Schon in Kindertagen auf dem Weg zur Hüffert kam ich an Dir vorbei, die Stufen zum Bittkreuz ersteigend mit meinen 5-6 Jahren, habe ich Dich wahrgenommen. Damals hattest Du noch einen Bruder/Schwesterbaum, etwas kleiner als Du, - ihr standet Euch nah und eure Äste berührten einander, standet Hand in Hand, - wie auch ich mit meinem jüngeren Bruder Hand in Hand an Euch vorbeiging auf dem Weg zum Kindergarten. Wenn wir Euch erreicht hatten, konnten wir schon das Gymnasium sehen und wir eilten unter Euren Ästen dahin. Ihr standet den Gewalten des Himmels sehr nahe, Stürme fegten Eure Kronen und brachen manchen Ast und Zweig, Blitze spalteten Stamm und Rinde, ich empfand Ehrfurcht und hatte Mitgefühl ob Eurer Verletzungen und staunte ob der Naturgewalten und erfreute mich Eurer Kraft, ihnen zu trotzen, Wunden zu heilen, weiter zu wachsen, Euren Platz auf dieser Erde zu behaupten.

Als Schulkind besuchte ich Euch auf den Bittprozessionen, betete in Eurem Schatten um eine gute Ernte und ein gutes Jahr, erbat Gottes Segen für die ganze Schöpfung. Und ihr standet dabei, der Wind bewegte sacht Euer zartes Laub und ein sanftes Rauschen im Rhythmus des Windes erfüllte diesen Ort. Ich spürte ein feierliches Gefühl, einen Einklang in meiner Andacht mit der ganzen Schöpfung.

Über dreißig Jahre hast Du dann allein dort oben gestanden, und jedesmal, wenn wir uns wiedersahen, erinnerte ich mich auch Deines Bruderbaumes. In den letzten Jahren zu Besuch in Warburg, habe ich Dich meinen Kindern vorgestellt, habe sie von Deinen unteren Ästen tragen lassen, erklomm selbst Deinen Stamm und bin in Deinen Ästen umher geturnt. Wir legten uns mit dem Kopf an Deinen Stamm, schauten in Gedanken versunken in Deine Krone und wurden ganz still für einen Moment und spürten Deine Kraft und Größe. Deine Äste selbst waren baumesdick und als wir versuchten Dich zu umarmen, reichten unsere sechs Arme nicht aus, Deinen Umfang zu ermessen. Ich erzählte ihnen von meiner Kindheit mit Dir, zeigte ihnen Deine Wunden, erklärte ihnen die Hilfe die Du bekamst, als Du vor Jahren saniert wurdest, da Du drohtest, es nicht mehr allein zu schaffen. - Sie lauschten gespannt den Erzählungen von den Ausgrabungen zu Deinen Wurzeln, denen ich damals voller Begeisterung beiwohnte, so oft ich konnte, von den Skeletten, den Münzen, den Grundmauern der Andreaskapelle und von der Zerstörung Huffras im Dreißig Jährigen Krieg. - So lebst Du nun auch weiter in ihren Herzen und Erinnerungen.

Warum Du sterben mußtest, ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob die Menschen, wenn sie Dich gepflanzt haben, Dir Deinen Platz zum Wachsen gegeben haben, dann auch das Recht haben, Dir das Leben zu nehmen. Ich hätte mir gewünscht, daß man Dir als altem Baum mehr Respekt und Achtung geschenkt und versucht hätte, Dir zu helfen, weiter an Deinem Platz zu leben. Du hast länger dort gelebt als je ein Mensch leben kann, Du hast schon zu Zeiten dort gelebt, an die sich kein Mensch mehr erinnern kann, Du warst baumgewordene Geschichte, und wer sich Dir mit dem Herzen öffnete, dem hast Du sie erzählt, Deine Geschichte.

Vielleicht mußtest Du deswegen weichen, weil es nicht mehr oder noch nicht genug Menschen gibt, die den Geschichten der alten Bäume lauschen können, die sich mit ihnen als Teil der Schöpfung verbunden fühlen und rechtzeitig merken, daß ihnen ein Teil vom Leben, - von ihnen selbst -, genommen wird, wenn sie es zulassen, daß ihr so weggeholzt werdet. Ich weine - und es tut mir weh, ich lasse dich los, in Liebe.

Geschrieben am 10.6.98, in Holland. Bisher unveröffentlicht.

 

Märchen vom König, der alles hatte,
alles konnte und doch tief unglücklich war.

Es war einmal ein König. Der lebte inmitten seines großen Königreiches in seinem herrlichen Schloß mit allem zusammen, was für ihn im Leben wichtig war.

Es gab dort einen wunderschönen gepflegten Garten, Menschen, die ihn für den König pflegten und noch viele, viele Menschen mehr, die sich um das Wohl des Königs sorgten in dem Schloß mit all den vielen, vielen Zimmern und Sälen.

Da waren die Diener und Dienerinnen, die den König jeden Morgen ankleideten und herausputzten mit Perücke und Puder und Parfüm, - die Diener, die ihm das Frühstück reichten. Schon morgens treten die Gaukler und Spielleute auf den König zu unterhalten mit ihrem Spiel, ihren Possen, ihren Geschichten und Liedern und er hörte und sah sich satt daran.

Zum Mittagsmahl kochten ihm die besten Köche des Reiches die erlesendsten Speisen, die er in seinem festlich geschmückten Speisesaal pflegte zu sich zu nehmen, umgeben von einer Heerschar von Bediensteten, - und er aß sich satt daran und kugelrund, sodaß er nach jeder Mahlzeit eine gehörige Zeit brauchte, bis er überhaupt wieder etwas von sich spürte.

Nachmittags übte er sich gelegentlich im Lesen und Schreiben, diskutierte über die Welt und was sie zusammenhält. Er übte als Jäger die Jagd, als Ritter den Kampf, als Heerführer den Krieg. Er war ständig bemüht, sein Reich auszudehnen und es gleichzeitig immer mehr Menschen auf die Schultern zu legen, damit diese ihn und seinen Reichtum tragen sollten. Selbst in der Kunst übte er sich, - im Malen, Musizieren nur das Schauspiel mochte er nicht so gerne, da mißtraute er sich selbst und es langweilte ihn, sich in immer neue Rollen einzuüben. Nein, er liebte nur seine ureigene Rolle als König der Könige über alles. Nur diese Rolle wollte er spielen.

Auch in der Liebe dachte er immer nur an sich selbst. Er verfügte über eine Reihe von Gespielinnen, Hofdamen, Geliebte, an denen und mit denen er sich seines Lebens erfreute. Es schien so, als ob ihm alle Menschen liebten, sie waren ihm zu Diensten und stetig danach bestrebt, es ihm recht zu machen. So verging jeder Tag in er Summe der Jahre. Und er ging des Abends zu Bett, geschafft vom Tag, ermattet von all dem Spiel, den Abwechselungen, dem Trinken und Essen, den Intrigen am Hof, den Kämpfen und Festen.

Nur wenn er im Bett lag, da war er allein, allein mit sich und mit seiner inneren Welt. Und da hatte er immer ein sonderbares Gefühl, immer wenn er allein war fühlte er sich und er verspürte eine wachsende Unzufriedenheit mit sich und dem Leben, das er führte. Irgend etwas fehlte ihm in seinem doch so satten Leben. Seine Zweifel wurden immer mehr. Aber es stimmte doch, alle waren für ihn da aber zu niemandem empfand er wirkliche Nähe, niemandem konnte er sich zeigen wie er vielleicht wirklich war. Alle machten nur mit im Programm, daß scheinbar er selbst für sich entworfen hatte und in dem er aber auch nur ein Programmpunkt unter anderen war. Er hatte alles, konnte alles und doch konnte ihn nichts wirklich zufrieden machen.

Bei allem was er hatte und was für ihn gemacht wurde, es konnte auch noch so schön und stimmig sein, spürte er ganz tief in sich eine Unzufriedenheit, und selbst mit seinen Gedanken machte er so vieles schlecht, über das er sich auch hätte freuen können. So kreisten seine Gedanken durch seinen Kopf wenn er einsam in seinem Bett lag, allein, wenn die Gefühle zu ihm zurückkehrten, für die Tags kein Platz in seinem Leben war. Und er fühlte sich eingesperrt, wie im Gefängnis, weil ihm alles nicht genug war, nichts war ihm genug. Und es dämmerte ihm von Zeit zu Zeit, daß immer mehr von dem nicht genug immer nur nicht genug bleiben würde.

Darüber wurde er tief traurig. Er haderte mit seinem Schicksal und mit seinem Gott, der ihm dieses Leben auferlegt hatte, für den er glaubte sein Herz geöffnet zu haben und von dem er glaubte, grenzenlos geliebt zu werden. Wie konnte dieser Gott, der ihm alles zum Leben gegeben hatte, wie konnte dieser Gott es zulassen, daß er trotz allem unglücklich war?

Und als er so allein auf seinem Bett lag, wurde er wütend, wütend auf seinen Gott. Er beschimpfte und verwünschte ihn. Er stand auf und ging unruhig und in Gedanken in seinem Zimmer auf und ab. Nichts und niemand konnte in beruhigen, trösten, - ja, niemand konnte ihn je verstehen in seinem großen Schmerz und seiner Traurigkeit, und er war ganz allein mit sich.

Und als er so umher wandelte, stand er auf einmal still vor seinem Spiegel. Sein Blick ging ganz langsam von unten nach oben, und was er sah, erschrak ihn über alle Maße. Sein Beinkleid war verschlissen, seine Strümpfe durchlöchert, sein Nachtrock hing ihm als Lumpen von der Schulter, seine Perücke war zerfressen von Mottenmaden. Und als er all dessen gewahr wurde, fingen seine Hände an zu zittern, vor Unfaßbarkeit, daß er so umherlief, wo doch alles für ihn vom Feinsten hätte sein sollen.- Er wurde erneut wütend, diesmal wütend auf den Spiegel. Zorn stieg in ihm auf. Wie konnte es der Spiegel wagen, ihm solch ein Bild von ihm zu zeigen. Und er geriet in Rage, riß sich die Kleider vom Leib, nahm all seine Parfüm- und Pudergläser, eins nach dem anderen, - und warf sie mit aller Gewalt gegen den Spiegel, bis dieser in tausend Splittern zersprungen vor ihm auf dem Boden lag. Bis auf ein kleines Stück, das noch hängen geblieben war, und soviel er auch danach warf, es wollte nicht runter fallen. Und weil er keine Erlösung vom Groll fand im Werfen nach dem kleinen Restspiegel, beruhigte er sich zusehends, und als er sich wieder gefaßt hatte ward ihm, sich dieses Stückchen Spiegel doch einmal genauer anzusehen.

Über alle Spiegelscherben hinweg, die ihn gleichsam tausendfach spiegelten, ging er auf den einen kleinen Spiegelsplitter zu, immer näher und näher, und als er ihn fast mit seiner Nasenspitze berührte, da sah er in ihm ganz nah seine beiden Augen. Und er schaute in seine Augen, tiefer und tiefer, so, wie er sich noch nie in die Augen geschaut hatte, und je länger er hinein schaute und je tiefer er blickte, um so ergriffener wurde er. Er spürte einen tiefen Schmerz in sich aufsteigen, einen Schmerz, den er noch nie gespürt hatte, und er konnte nicht aufhören zu gucken, und er sah den Schmerz immer größer werden, bis der König selbst fast ganz mit Schmerz angefüllt war. Er hielt sich das Gesicht, er fing an zu schreien, und er guckte weiter in den Spiegel und sah dicke Tränen aus seinen Augen über das Gesicht rollen. Sie schwollen an zu einem Strom von Tränen, und er weinte, wie er sein Lebtag noch nicht geweint hatte. Seine Augen waren ein einziger Tränenquell, sein Gesicht war bedeckt vom Strom der Tränen. Und er sah sich im Spiegelsplitter immer verschwommener, und er verlor sein Bild schließlich im Meer der Tränen.

Er wollte nur noch raus, raus aus seinem Schlafgemach, raus aus dem Schloß, weg von all den Menschen, weg von seinem Königreich, weg von all dem, was bisher sein Leben ausgemacht hatte.

Und er lief aus dem Zimmer, durch die Gänge, aus dem Schloß, über den Hof zum Tor hinaus, er lief über Felder und Wiesen, durch Wälder, Dörfer und Städte, - und als er nicht mehr laufen konnte und sich von einem Hügel aus umdrehte und zurückschaute wurde er gewahr, daß alles, was er verlassen hatte, hinter ihm zusammengebrochen, zerfallen, auseinander geborsten war. Nichts war mehr da, - kein Mensch, kein Haus, kein Baum, kein Strauch, - - - nur eine grüne Wiese mit Gänseblümchen.

Und der König wurde klein, ganz klein, winzig klein, und er war nackt, und er fror. Er ging zurück auf die Wiese, und er setzte sich an den Fuß einer Gänseblümchenblüte. Er schloß die Augen und nach einer Weile hörte er die Vögel singen, die Insekten summen, er roch das Gras, und er spürte seinen Atem. Er atmete tief, er atmete den Duft der Wiese, er spürte die Sonne auf seiner Haut, er genoß ihre Wärme. Er empfand sich eins mit dem Gesang der Vögel, dem Summen der Insekten, dem Duft der Wiese, der Wärme der Sonne. Zum ersten mal in seinem Leben fühlte er sich geborgen. Eine große Freude und Wärme erfüllte ihn, und er spürte, daß Gott jetzt bei ihm war.

Geschrieben am 5.11.94, bisher unveröffentlicht;

 

Gedichte:

Werde still am Born deiner Quelle

Und siehe – auch die getrübten Wasser klaren – gib ihnen Zeit
Schau ihnen auf den Grund – laß Dir Zeit
Sammle sie und laß sie steigen – nimm Dir Zeit
Und gewinne an Tiefe, wachse an Kraft – zu jeder Zeit

Und laufen sie über – es ist an der Zeit
Dann bewahr Dir die Klarheit und sei bereit
Mit den Wassern zu fließen – für alle Zeit
Und zu erquicken und zu erfreuen
Alle – die Dir begegnen
Zu Deiner Zeit

geschrieben am 10.3.99, bisher unveröffentlicht;

 

Willst Du glücklich sein im Leben,
trage bei zu Anderer Glück,
denn die Freude, die wir geben,
kehrt ins eigene Herz zurück.

Ein Vers von Janne, 1994,

 

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Letzte Aktualisierung: 03.09.1999